Tante Barbara steht Dir zur Seite

Heute möchten wir euch eine der Organisationen vorstellen, die wir unterstützen: Ciocia Basia. Mädchenmannschaft hat einen schönen Artikel über sie und die derzeitige Lage in Polen geschrieben.

In Polen sind Abtreibungen nur möglich, wenn die Gesundheit oder das Leben der schwangeren Person gefährdet sind, wenn die Schwangerschaft Folge einer Straftat ist oder wenn der Fötus schwer beschädigt ist. Damit hat Polen hat eine der striktesten Abtreibungsgesetzgebungen Europas. Nur noch Malta, San Marino, Liechtenstein, Andorra, Monaco, Irland und Nordirland haben ähnlich strenge oder noch strengere Gesetze.

[…]

Seit September 2016 droht stattdessen eine weitere Verschärfung des Abtreibungsgesetzes. Damals hatte die christlich-fundamentalistische Stiftung Ordo Iuris ein Gesetz entworfen, das Abtreibung nur noch erlaubt, wenn das Leben der Schwangeren akut bedroht ist und zusätzlich Haftstrafen für die abtreibende Person vorsieht (bisher machen sich diejenigen strafbar, die bei der Abtreibung helfen). Der Gesetzesentwurf wurde von der Bürger_inneninitiative »Stop Abtreibung« als Petition ins Parlament gebracht und am 23. September 2016 in erster Lesung verabschiedet. Diese Entscheidung löste in Polen und über Polen hinaus massive Proteste unter den Schlagwörtern #czarnyprotest und #blackprotest aus. In vielen Städten inner- und außerhalb Polens gab es Demonstrationen, hunderttausende Menschen gingen für das Recht auf Abtreibung auf die Straße.

Angesichts dieser wohl unerwarteten Proteste lehnte das Parlament den Gesetzesentwurf in der zweiten Lesung ab und es blieb vorerst bei der alten (wohlgemerkt sowieso schon extrem restriktiven) Gesetzgebung. Im März 2018 gab es einen erneuten Vorstoß, die Gesetzgebung zu verschärfen, wieder gingen Zehntausende auf die Straße. Im Moment ist unklar, was passieren wird: Das Parlament hat die Entscheidung auf unbestimmte Zeit verschoben.

[…]

Ciocia Basia ist eine Gruppe von Aktivist*innen in Berlin, die Menschen aus Polen dabei unterstützt, in Berlin sicher und straffrei abzutreiben. Wer ungewollt schwanger ist, kann uns über Telefon, E-Mail oder Facebook erreichen. Wir klären dann über Möglichkeiten auf – bis zur 7. Schwangerschaftswoche ist in Deutschland ein medikamentöser Abbruch möglich, bis zur 12. ein operativer. Personen, die schon in einem fortgeschritteneren Schwangerschaftsstadium sind, vermitteln wir in die Niederlande oder nach Großbritannien, wo Schwangerschaftsabbrüche bis zur 22. bzw. bis zur 24. Woche legal sind.

Für diejenigen, die nach Deutschland kommen, organisieren wir Termine für die gesetzlich verpflichtende Schwangerschaftskonfliktberatung und für die Abtreibung in der Klinik. Wir begleiten, übersetzen und organisieren, wenn nötig, auch Unterkünfte.

Diejenigen, die sich den Abbruch nicht selbst leisten können, unterstützen wir auch finanziell. Bisher konnten wir uns mit Soliparties und Spenden gut über Wasser halten – doch wir werden in Polen immer bekannter und bekommen dementsprechend mehr Anfragen. Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung darf aber nicht vom Einkommen einhängen! Wenn ihr sicherstellen wollt, dass wir auch weiterhin allen ungewollt Schwangeren helfen können, könnt ihr hier spenden: https://www.gofundme.com/tantebarbara

 

Telefon: 0152 10385680

E-Mail: ciocia.basia@riseup.net

Facebook: facebook.com/ciociabasiaberlin

Pro Life – Abtreibungsgegner auf dem Vormarsch

Nur noch bis zum 06. Mai verfügbar: Unbedingt die Arte-Doku zum Thema Schwangerschaftsabbruch schauen.

Das Recht auf Abtreibung galt in vielen westlichen Ländern als unumstößlich. Doch in den letzten Jahren wird es zunehmend infrage gestellt. Die Dokumentation legt offen, mit welchen Methoden die Abtreibungsgegner kämpfen. Das Recht auf Abtreibung wird auf unterschiedlichste Art angegriffen: offen oder versteckt, über die Gesetzgebung oder mittels öffentlicher Meinungsmache.

Sie hieß Valentina, und sie starb, weil ihr Ärzte die lebensrettende Abtreibung verweigerten: Was sich wie ein Drama aus vergangenen Zeiten anhört, spielte sich erst 2016 in Italien ab. Dort ist Abtreibung zwar seit 40 Jahren gesetzlich zulässig, wird aber aus ethischen Gründen von den meisten Gynäkologen nicht vorgenommen. Wie in Italien versucht eine neue Generation von Aktivisten fast überall in Europa, die Gesetze über den legalen beziehungsweise straffreien Schwangerschaftsabbruch rückgängig zu machen oder zu umgehen. In Ungarn wurde sogar die Verfassung zugunsten dieser selbst ernannten „Lebensschützer“ geändert.
In Frankreich gehören die Abtreibungsgegner der jungen Generation an. Sie kämpfen in den Medien, auf Twitter und Facebook, und ihre Zielgruppe sind die 15- bis 35-Jährigen. Bei ihrer Überzeugungsarbeit nutzen sie das volle Potenzial der sozialen Netzwerke mit ihren Kurznachrichten und Schockbildern zur Verbreitung von verzerrten Informationen.

All diese Kämpfe laufen auf EU-Ebene zusammen. Die Abtreibungsgegner haben zum Angriff auf die Festung Brüssel geblasen, wo sie intensives Lobbying betreiben – mit ebenso effizienten wie empörenden Methoden. Zur Finanzierung ihrer breit angelegten Kampagnen können die Abtreibungsgegner auf einflussreiche ausländische Sponsoren zählen, vor allem aus Russland und den Vereinigten Staaten.
Vor 70 Jahren sagte Simone de Beauvoir, man dürfe nie vergessen, dass eine politische, wirtschaftliche oder religiöse Krise genüge, um die Rechte der Frauen wieder infrage zu stellen, denn diese Rechte seien nie sicher, und die Frauen müssten ihr Leben lang wachsam bleiben. Heute bestätigt sich diese prophetische Warnung.

Wie Fotos Schwangerschaftsabbrüche tabuisieren

Ein Kommentar von Anna Mattes vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung

Welche Bilder werden verwendet und warum sind sie problematisch?

In der Berichterstattung zu den Themen Schwangerschaftsabbruch fällt auf, dass häufig zwei Arten von Bildern verwendet werden: Abbildungen von Föten sowie Abbildungen von schwangeren Frauen in einem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft. Beides ist problematisch, denn die Bilder von Föten geben ein verzerrtes Bild der Realität wieder. Häufig werden Bilder aus Archiven genommen, die Schwangerschaften in der 14., 16. oder 18. Woche zeigen. Schwangerschaftsabbrüche werden ambulant aber typischerweise in der 7. oder 8. Woche vorgenommen.

Oft nutzen Medien die Fotos von Abtreibungsgegner*innen

Wenn Redaktionen eine realistische Abbildung wählen wollen, sollten sie das Bild einer Fruchtblase wählen, empfahl auch Kristina Hänel bei einer Pressekonferenz Anfang Dezember 2017 in Berlin. Im schlimmsten Fall übernehmen Journalist*innen Bilder von “Lebensschützer*innen” als Bildmaterial, wie beispielsweise Bilder der Plastikembryonen, die über eine von “Lebensschützer*innen” betriebene Plattform verbreitet werden. Dort werden wissentlich Fehlinformationen verbreitet, unter anderem, dass ein Fötus in der 10. Schwangerschaftswoche (SSW) bereits 6 cm groß sei und die Plastiknachbildung somit der Realität entspreche. Wer selbst einen kleinen Einblick haben möchte, wie Abtreibungsgegner versuchen, über Bildsprache zu einer Tabuisierung und Skandalisierung beizutragen, kann gerne Bilder zum Suchbegriff “Abtreibung” googeln.

Auch Fotos schwangerer Frauen mit einem sichtbaren Babybauch in einem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft sind realitätsverzerrend. Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland bis zur 12. SSW zugänglich. Sogenannte Spätabbrüchen nach der 12. SSW sind verhältnismäßig selten und nur möglich, wenn die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren gefährdet ist. Bis zur 12. SSW ist die Schwangerschaft für das Umfeld kaum sichtbar – häufig behalten Schwangere eine Schwangerschaft bis zu diesem Zeitpunkt noch für sich, da das Risiko einer Fehlgeburt groß ist.

Abortion in Germany – ‚where providing information is a crime‘

Auch international ist die Debatte um § 219a von Interesse: Ein Kommentar von Kate Cahoon vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung.

According to section 218 of Germany’s criminal code, abortion is a crime. It’s in the part pertaining to “offences against life”, alongside murder and negligent manslaughter, although a sub-section spells out that it is decriminalized in the first 12 weeks of pregnancy, that is, if the woman has a certificate from an authorized counselling service and waits three days before having the procedure carried out.

In case you were thinking that the counselling was intended to provide support to the pregnant woman, you were wrong. The law states that the “the counselling serves to protect unborn life. It should be guided by efforts to encourage the woman to continue the pregnancy and to open her to the prospects of a life with the child”. Well, that sounds unbiased, doesn’t it? Feminists and other people who believe that women are capable of deciding whether they are prepared to push something the size of small watermelon out of their vagina without the interference of the state have been arguing for this law to be abolished since the 1970s.

[…]

In this particular case, Dr Kristina Hänel refused to take the information down from her website and settle before court, which would have seen her walk away with a modest fine and a slap on the wrist. Generally, when faced with these kinds of charges, doctors plead ignorance or say they won’t do it again, but this time around Hänel decided that her patients have a right to information. Information, for example, about what to expect when visiting the clinic to have a pregnancy terminated, from what the procedure involves to what they should bring with them (clean underwear, cosy slippers, etc). The judge, however, agreed with prosecutors who claimed the information constituted an advertisement. The judge explained that the law was there to ensure that abortion would not become “normalized”. Just as an aside – around 70,000 women die annually due to unsafe abortions in countries where access to abortion is restricted. Is that the kind of “normal” we are working towards?   

Now in case you’re wondering how the under-resourced German law enforcement authorities manage to find time to trawl the net looking for potential suspects, aka doctors, the short answer is – they don’t. The vast majority of cases result from charges being pressed by radical “pro-lifers”, Christian fundamentalists with too much time (and money) on their hands. Their most assiduous supporter is Klaus Günter Annen, who runs a website with the charming title “Babycaust.de” featuring the names of most abortion service providers in Germany. Funnily enough, it’s not a bad place to get information if you are looking for a comprehensive record of other pro-choice allies.

[…]

Anyway, the timing of this sudden burst of opposition to section 219a seems surprising, particularly given that politicians have had a while to do something about the regulation of abortion. Section 219a was introduced in 1933 by – you might have guessed already – the Nazi party, as part of sweeping reforms to criminalize Jewish doctors, communists and homosexuals. Until last year, when the media started reporting on the Hänel case and a lot of people came to realize how restrictive Germany’s abortion laws actually are, a liberalization seemed unlikely. If the vote goes ahead later this month and a small miracle sees a majority in favour of abolishing section 219a, I would pay good money to have a live camera on the floor of parliament filming Beatrix von Storch’s face.

However, if the law doesn’t get overturned this time around, it’s safe to assume that it won’t be easy to put a lid back on the debate around reproductive rights in Germany and in other European countries. With the upcoming referendum on repealing the 8th amendment in Ireland, and the worsening situation for women in neighbouring country Poland, there are plenty of reasons to join the pro-choice bloc at the Frauen*kampftagdemonstration on International Women’s Day (March 8, 2018) and the day of action organized by the Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung in September in protest against the annual “March for Life” in Berlin.

Mindestens erschwert wird dadurch die ärztliche Aufklärung im Vorfeld, zu der jeder Mediziner verpflichtet ist – zum Schaden der Frau.

Paragraf 219a in seiner jetzigen Form nicht haltbar

– ein Kommentar von Gudula Reuther

Der umstrittene Paragraf 219a des Strafgesetzbuches verbietet nicht nur das Anpreisen oder die marktschreierische Werbung. Unter Strafe verboten ist es auch, öffentlich seines Vermögensvorteils wegen Abtreibungen anzubieten. Die Gießener Verurteilung hat dabei nur deutlich gemacht, was seit Jahrzehnten der Fall ist: Staatsanwaltschaften gehen völlig unterschiedlich damit um, jegliche Information im Internet über vom Arzt angewendete Methoden, über Voraussetzungen, zu Bedenkendes fällt darunter. Mindestens erschwert wird dadurch die ärztliche Aufklärung im Vorfeld, zu der jeder Mediziner verpflichtet ist – zum Schaden der Frau. Es geht darum, Entscheidung zu ermöglichen. Sei es darüber, wo die Frau hingehen will, sei es darüber, was sie erwartet – oder sei es auch die Entscheidung, ob sie das wirklich will, denn auch für diese Wahl braucht sie Informationen.

Natürlich gibt es Aufklärung in der Beratung im Rahmen des Schwangerschaftskonfliktgesetzes. Aber dort muss es mindestens teilweise um anderes gehen. Informieren über die eigene Arbeit kann nur der Arzt. Die Sorge, der Schwangerschaftsabbruch könnte ohne striktes Werbeverbot als normale ärztliche Leistung angesehen werden, dürfte kaum gerechtfertigt sein. Kaum eine Frau wird sich bei einer solchen Entscheidung durch die Darstellung im Internet beeinflussen lassen.

17 Fragen, 17 Antworten: Was muss ich über Abtreibung wissen?

Stefan Nachtwey (Familienplanungszentrum Berlin) im Interview mit ZeitJung:

Wie läuft ein solches Beratungsgespräch ab?

Per Gesetz muss immer Pro-Leben beraten werden, das heißt in Richtung der Austragung des Kindes. Natürlich müssen die Träger gleichzeitig neutral bleiben. Wie die Berater*innen mit diesem schwierigen Spagat umgehen, hängt immer von der beratenden Person ab. Prinzipiell verlaufen die Gespräche sehr individuell. Sie können 5 Minuten oder bis zu 2 Stunden dauern. Folgetermine können auf Wunsch wahrgenommen werden. Am Ende der Sitzung erhält die Frau einen Beratungsschein, den sie zum Eingriff vorlegen muss. Grundsätzlich gilt: Wer berät darf den Schwangerschaftsabbruch nicht durchführen. Beide Termine müssen in zwei unterschiedlichen Einrichtungen stattfinden.

Wie finde ich einen Arzt/ eine Ärztin, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt?

Sich im Internet zu informieren ist schwierig, weil es verboten ist, diese Informationen auf seinen Webseiten zu veröffentlichen. Bei den Beratungsstellen erhalten Frauen theoretisch eine Liste mit allen Ärzt*innen, die solche Eingriffe durchführen. Diese Listen sind meist sehr individuell und können in der Auswahl stark schwanken. Da ist es fraglich, ob mit dieser Liste die Informationsfreiheit gewährleistet bleibt. Momentan wird eine umfassende Liste vom Senat überarbeitet, jedoch ist noch unklar, wann diese veröffentlicht wird. Grundlegend ist es sehr hilfreich, wenn ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Patientin und Frauenärzt*in besteht. Dann kann diese*r oft schon weiterhelfen.

Was genau gilt als Werbung für einen Schwangerschaftsabbruch?

Unsere Einrichtung zum Beispiel gibt Informationen auf unserer Webseite, dass wir die Eingriffe durchführen und welche Methoden zur Verfügung stellen, veröffentlichen aber keine Preise. Für solche Angaben wurde ich auch schon angezeigt, glücklicherweise wurde das Verfahren eingestellt. Das Problem ist, dass Informationen und Werbung fließend in einander übergehen. Außerdem verbietet der §219a das Anbieten „eines Vermögensvorteils wegen“ oder „in grob anstößiger Weise“. Wie genau man sich das vorstellen kann, ist gesetzlich nicht geregelt. Deshalb besteht auch die Möglichkeit, Ärzt*innen immer wieder anzuzeigen, da der Interpretationsspielraum sehr groß ist. Eigentlich ist §219a nicht notwendig. Ärzt*innen haben ohnehin durch die Berufsordnung bereits Restriktionen, die das Anbieten von bestimmten Leistungen einschränken. Dafür ist kein Strafgesetzbuch notwendig.

Wie wird ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt?

Es gibt die operative und die medikamentöse Methode. Dafür sind jeweils drei Termine notwendig. Beim ersten Termin findet eine Voruntersuchung mit Aufklärungsgespräch statt. Entscheidet sich die Frau für die OP, erfolgt beim zweiten Termin der Eingriff. Dieser kann in lokaler Anästhesie oder in Vollnarkose erfolgen. Zunächst wird bei Bedarf ein muttermundweitendes Medikament in die Vagina eingeführt und daraufhin das Schwangerschaftsgewebe unter Ultraschallkontrolle abgesaugt. Der letzte Termin ist die Nachkontrolle.

Bei der rein medikamentösen Methode wird beim ersten Termin zusätzlich zu den Gesprächen ein Medikament gegeben, das die Wirkung des Schwangerschaftshormons Progesteron aufhebt und die Schwangerschaft abbricht. Am zweiten Tag wird wieder das muttermundweitendes Medikament in die Vagina eingeführt. Auch bei diesem Verfahren erfolgt ein dritter Termin zur Kontrolluntersuchung.

Mehr zu den Methoden eines Schwangerschaftsabbruchs findet ihr auch →hier.

Ziel ist es, Schwangerschaftsabrüche zu verunmöglichen, sowohl von der Zugänglichkeit als auch von der Vorstellbarkeit her, dass sie eine gute, vertretbare Lösung für bestimmte Probleme sind.

Kirsten Achtelik und Eike Sanders im Interview mit Der Freitag.

Hier ein paar interessante Auszüge, um euch neugierig auf mehr zu machen:

Der Freitag: Was machen „Lebensschützer_innen“?

Kirsten Achtelik: In erster Linie setzen sie Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten, und Frauen im Allgemeinen unter Druck. Ziel ist es, Schwangerschaftsabrüche zu verunmöglichen, sowohl von der Zugänglichkeit als auch von der Vorstellbarkeit her, dass sie eine gute, vertretbare Lösung für bestimmte Probleme sind.

Eike Sanders: Sie betreiben auch Gehsteigberatung, oder eher: Gehsteigbelästigung. Sie stehen vor den Praxen und Beratungsstellen. Sie zeigen übergroße Bilder von Föten, die im Fruchtwasser schwimmen und am Daumen nuckeln. Und es wird eine Art Psychoterror betrieben: „Willst du wirklich Mörderin werden?“

Seit wann gibt es sie und aus welchem Milieu rekrutieren sie sich?

Sanders: Wir beobachten die Bewegung schon lange, als Teil einer im Weitesten gefassten konservativen bis extremen Rechten – CDU und rechts davon. Sie sind seit den 70ern präsent. Protagonisten sind etwa die „Aktion Lebensrecht für Alle“, Teile der Kirchen, vor allem der katholischen, evangelikale Gemeinden, Freikirchen. Im Parteienspektrum sind es die Christdemokraten für das Leben. Mit der AfD ist ein Player hinzugekommen. Teile der Neuen Rechten beteiligen sich über ihre Publikationsorgane. Die Junge Freiheit featurt zum Beispiel regelmäßig den „Marsch für das Leben“. Sie arbeiten sich am Thema Schwangerschaftsabbrüche ab, verbinden es aber auch mit Antifeminismus und Sexualmoral. Lebensweltlich ist diese Bewegung ganz klar christlich fundamentalistisch geprägt.

Achtelik: Die „Lebensschutz“-Bewegung war immer eine Gegenbewegung zum Feminismus. Sie hat sich explizit so gegründet, als die Frauenbewegung erste Erfolge bei ihren Forderungen für das Recht auf Abtreibung und reproduktive Rechte verbuchen konnte. Sie richtet sich gegen das Ideal einer Gesellschaft, in der das Begehren so weit wie möglich ermöglicht werden soll, statt eingeschränkt, weil das angeblich dem Glauben widerspricht. Da ist eine Kampflinie.

Viele glauben, dass Abtreibung in Deutschland legal ist.

Achtelik: Der Paragraf 218 steht im Strafgesetzbuch. Schwangerschaftsabbrüche sind strafbar und nur unter bestimmten Bedingungen straffrei. Woher das Nichtwissen kommt, ist schwer zu sagen. Eine Ursache ist, dass Abtreibungen immer noch tabuisiert sind. Ich erinnere mich an eine 8.-März-Demo Mitte der nuller Jahre, da war ich mit einer Freundin mit einem „Smash 218“-Transpi unterwegs. Wir sind von einigen angesprochen worden, die noch nie von dem Gesetz gehört hatten. Das ist sicher auch eine Generationenfrage, für die Feministinnen der 70er war das zentral, die jüngere Generation hat sich nach dem queer-feministischen turn lange mit anderen Fragen beschäftigt.

Bei der Bundestagsdebatte um Paragraf 219a klangen Union und AfD fast gleich.

Sanders: Klar, das Wording von Union und AfD ist in Teilen gleich, aber es ist das Vokabular der „Lebensschutz“-Bewegung: Die Frau unsichtbar machen, nur davon reden, dass eine befruchtete Eizelle gleich ein Kind, gleich ein ungeborener Mensch sein soll, das ist das, was diese Bewegung schon immer gemacht hat.

Repeal the 8th

Auch heute möchten wir ländertechnisch noch einmal über unseren Tellerrand schauen. Wir werfen einen Blick nach Irland, wo derzeit unter dem Hashtag #repealthe8th für eine Änderung der sehr restriktiven Abtreibungsgesetze geworben wird. Am 25. Mai wird ein Referendum stattfinden, bei dem die Ir*innen darüber abstimmen werden, ob es eine Gesetzesänderung geben wird oder nicht.

In einem Artikel der Zeit findet sich dazu folgendes:

Im Juli hatte der UN-Menschenrechtsausschuss die irische Regierung aufgefordert, die Gesetzgebung zu überarbeiten und den achten Zusatzartikel aufzuheben.

Irlands Gesundheitsminister Leo Varadkar sagt dazu:

„Wir wissen, dass jedes Jahr Tausende irische Frauen – aus jedem Bezirk des Landes – für Abtreibungen ins Ausland gehen. Wir wissen, dass viele Frauen Abtreibungspillen per Post holen, um ihre Schwangerschaften zu beenden. Es gibt Abtreibungen in Irland, aber sie sind nicht sicher, nicht geregelt und illegal.“ Weiterhin kündigte er an, es werde im Referendum um ein klares Ja oder Nein gehen: „Reformieren wir unsere Abtreibungsgesetze oder nicht? Ich werde mich für ein Ja einsetzen.“

Varadkars Ansichten zur Abtreibung hätten sich im Laufe der Jahre durch mehr Lebenserfahrung verändert. Als Gesundheitsminister sei er zur Überzeugung gelangt, dass Abtreibung kein Thema für die Verfassung sei, sondern eine private Angelegenheit für Frauen und Ärzte.

 

„Sie müssen schweigen, als täten sie etwas Verbotenes. Ihre Arbeit wird kriminalisiert. Sachliche Informationen über Schwangerschaftsabbrüche werden zu einer Art Geheimwissen.“

Davina Höflich (Bundesvorsitzende von proFamilia) im Interview mit SpiegelOnline.

SPIEGEL ONLINE: Die Gesetzeslage kommt einem Informationsverbot gleich. Was bedeutet das für Schwangere?

Höblich: Eigentlich haben Frauen laut Gesetz das Recht, sich ihren Arzt frei auszuwählen. Doch wie soll das gehen, wenn es keine frei zugänglichen Informationen darüber gibt, welche Ärzte einen Abbruch vornehmen? Der Schwangerschaftsabbruch wird so zum Tabu. Es wird den Frauen auch erschwert, sich für eine bestimmte Methode des Schwangerschaftsabbruchs zu entscheiden. Denn es wird nicht veröffentlicht, welche Gesundheitseinrichtungen welche Methoden anbieten.

[…]

SPIEGEL ONLINE: Vertreter der Kirche und der Union warnen, ohne Paragraf 219a könnten Abtreibungen künftig im Internet, Fernsehen oder Zeitschriften beworben werden. Droht eine Verharmlosung des Eingriffs?

Höblich: Wir von pro familia halten die Kritik für unsachlich und undifferenziert. Eine „anpreisende Werbung“ ist Ärzten laut Berufsordnung ohnehin verboten. In Frankreich und der Schweiz hat die Zahl der Abtreibungen durch die frei zugänglichen Informationen auch nicht zugenommen. Insgesamt ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche rückläufig. Außerdem bin ich überzeugt, dass betroffene Frauen und Paare die Entscheidung zu einem Abbruch niemals leichtfertig treffen.

Space2groW – ein gutes Vorbild aus Berlin.

Heute möchten wir euch ein junges Projekt aus Berlin vorstellen: Bei Space2groW helfen geflüchtete Frauen* geflüchteten Frauen* nach dem Motto „Empowered Women Empower Women“ . Sie beraten Sie zu Gesundheit und Familienplanung und wissen aufgrund ihres eigenen multikulturellen Hintergrunds auf die verschiedenen soziokulturellen sowie religiösen Hintergründe der Frauen* einzugehen.

Projektleiterin Anab Mohamud ist vor drei Jahren alleine von Somalia nach Deutschland geflohen. In den Unterkünften bemerkte sie schnell, dass es an den nötigsten Angeboten zum Thema Frauengesundheit und Familienplanung mangelte. Dabei wird es hier so selbstverständlich gebraucht wie überall.

Der Zugang zu wichtigen Informationen ist aufgrund der schwierigen sozialen Lage vieler Geflüchteter sehr schwierig und die Auswirkungen von Krankheiten oder ungeplanten Schwangerschaften besonders folgenschwer.

Dazu ist es aufgrund sprachlicher und kultureller Barrieren oft schwierig, ein vertrauensvolles Verhältnis zu deutschen Ärzt*Innen aufzubauen.
Anab entschied sich, zu helfen und den Frauen Themen wie Gesundheit,Familienplanung und Sexualität näher zu bringen.

Sie entwickelte ein Workshop- und Beratungsformat, in dem die ThemenVerhütung, Schwangerschafts Vor- und Nachsorge, Zyklus, etc. besprochen werden – nicht aus einer privilegierten deutschen Perspektive heraus, sondern aus der gemeinsamen Fluchterfahrung heraus. So, wie sie es gerne vorgefunden hätte, als sie hier ankam.

Bei der Beratung geht es auch darum, Frauen zu ermutigen und zu ermächtigen, eigene Ziele und Wünsche zu formulieren und diese ihren Partnern zu kommunizieren. Gerade die Entwicklung und das Wachsen der Familie zu planen, statt es dem Zufall zu überlassen, gehört dazu und ermöglicht den Frauen, aber auch ihren Familien, Perspektiven zu entwickeln und Planungssicherheit zu haben. Sie können dadurch mit ihren Ressourcen und Kräften haushalten, um die Integration in die neue Gesellschaft so erfolgreich wie möglich zu gestalten.

Die Angebote finden in Somali, Arabisch und Englisch statt. Bei Bedarf wird eine Übersetzung in weitere Sprachen organisiert.

Das Berliner Projekt ist für den Deutschen Integrationspreis 2018 nominiert – zurecht wie wir finden, denn die Idee könnte Schule machen und vielen Frauen* in Deutschland eine wichtige Hilfestellung geben. Wenn Du dem Team um Space2groW dabei helfen willst, Frauen* durch Wissen zu stärken, dann unterstütze sie durch eine Spende hier: https://www.startnext.com/space2grow.