Aktuelles & Termine

Liebe Kommiliton*innen,

diese Webseite betreiben wir seit dem Beginn des Sommersemesters 2018, um dem durch Seiten der Abtreibungsgegner dominiertem world wide web eine Seite entgegenzustellen, auf denen ihr euch über unsere Arbeit, aber auch generell zu verschiedenen Aspekten des Schwangerschaftsabbruches informieren könnt.

Rechts findet ihr immer aktuellen Daten für alles, was wir für euch organisieren oder Veranstaltungen, die ihr interessant finden könntet. Ihr wollt keine unserer Veranstaltungen mehr verpassen? Dann ladet unseren Kalender → hier runter.

Wir haben frohe Neuigkeiten für euch: was sich im medizinischen Curriculum der Charité schon ab dem Sommersemester 2019 ändern wird, könnt ihr hier nachlesen. Wir sind stolz, dass unsere Arbeit erste Früchte zeigt. Wir hoffen, dass dies Medizinstudierende anderer deutscher Fakultäten dazu ermutigt, sich ebenfalls für eine gründlicher Thematisierung im Curriculum einzusetzen. Wir Studierenden haben mehr Einfluss, als wir manchmal denken!

Auch den Ausgang unseres Treffens mit der Fakultätsleitung der Charité könnt ihr dort nachlesen, bei dem es darum ging, ob wir weiterhin die Räume der Charité für die Papaya-Workshops nutzen dürfen – einige Professoren hatten deren Verwendung nämlich als „verharmlosend“ bezeichnet.

Unter dem neuen Reiter „Positionierung zur Kritik“ äußern wir uns zu einigen Vorwürfen, die wir uns vonseiten unserer Kritiker*innen anhören mussten.

Und es gibt noch etwas Neues auf dieser Seite: Unter „Diagnose Sexismus“ stellen wir euch unsere Plattform vor, auf der wir sexistische Erfahrungen im klinischen Kontext sammeln und kontextualisieren. Im Rahmen unserer feministischen Aktionswoche vom 3. – 7. Dezember 2018, organisiert durch die MSFC und die Kritischen Mediziner*innen, hatten wir ein buntes Programm an der Charité, unter anderem mit unserer Frauenbeauftragten Dr. Kurmeyer, mit Laura Méritt von sexclusivitaeten.de und mit Sarah Diehl und ihrem Buch „Die Uhr die nicht tickt. Kinderlos glücklich.“

Liebe Interessierte,

Bitte beachtet, dass sich unsere Veranstaltungen in erster Linie an Studierende richten. Wir bitten euch daher um Nachsicht, dass ein Teil unserer Veranstaltungen – sofern nicht anders angekündigt – nicht öffentlich ist. Bei allen anderen Aktionen seid ihr aber herzlich willkommen!

„Auch ein medikamentöser, narkosefreier Schwangerschaftsabbruch gehört zu den Leistungen von Frau Dr. Gaber.“

Am 14.06.2019 wurden die beiden Gynäkologinnen Verena Weyer und Bettina Gaber zu 4000€ Geldstrafe verurteilt. Dafür, dass sie auf ihrer Website darüber informieren, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Das sind die Konsequenzen und die große ‚Rechtssicherheit‘, die der von der GroKo beschlossene ‚Kompromiss‘ mit sich führt: Ärzt*innen dürfen weiterhin nicht ihre Arbeit vollziehen und aufklären.

Folgend kann unser Redebeitrag bei der Kundgebung am Freitag zum Prozess nachgelesen werden:

_________________________________________________________________

Liebe Anwesenden,

Im Studium der Humanmedizin sollen Studierende dazu ausgebildet werden, welche rechtlichen, ethischen und medizinischen Aspekte in Bezug auf das Thema Schwangerschaftsabbruch wichtig sind. Das wird so in den Gegenstandskatalogen unserer Abschlussprüfungen gefordert.
Wir als AG haben es uns zum Ziel gemacht, dafür zur sorgen, dass diese Inhalte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern an unserer Uni auch gelehrt werden.

Einen ersten Teilerfolg konnten wir bereits erzielen: Seit diesem Semester gibt es an der Charité zwei Veranstaltungen, die sich ausschließlich dem Thema Schwangerschaftsabbruch widmen. Zu unserer großen Enttäuschung werden hier jedoch ausschließlich gesellschaftspolitische, ethische und psychologische Implikationen diskutiert.

Die ebenso wichtigen ​medizinischen Aspekte zu Methoden des Abbruchs und was es zu beachten gilt, werden weiterhin nicht behandelt.

Nun kann man sich natürlich – unabhängig von Prüfungsinhalten – fragen, warum man dieses Thema im Medizinstudium behandeln muss. Darauf haben wir folgende Antwort.

Sex gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen und hat wesentlichen Einfluss auf das menschliche Wohlbefinden und damit seine Gesundheit. Das Thema gehört damit dringend in das humanmedizinische Curriculum. Und hiermit meine ich nicht, sich thematisch auf die Anatomie von Reproduktionsorganen und sexuell übertragbare Krankheiten zu beschränken und in der Folge nur noch Schwangerschaft und Geburt zu behandeln. Hierzu gehören unter anderen auch die Themen Lust und ihre Anatomie, Verhütung über die Pille hinaus und leider auch das Thema ungeplante bzw. ungewollte Schwangerschaften. All das sind Aspekte, die zum Alltag von Menschen und damit zu ihrer Lebensrealität dazu gehören. Sie sind zu wichtig und zu eng verwoben mit menschlicher Gesundheit, als dass sie von Politik und Medizin weiter ignoriert werden dürfen.

Berlin hatte in dieser Beziehung schon einmal Vorbildfunktion – nicht ohne Grund wurde Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft ausgerechnet hier gegründet. Auf diese Tradition beruft sich auch des sexualmedizinische Institut der Charité. Warum also besinnt sich Europas größtes Uniklinikum dann nicht auch auf seine Vorbildfunktion in dieser Beziehung?

Es ist höchste Zeit die medizinische und politische Ignoranz beim Thema Sex zu überkommen und das deutsche Rechts- und damit auch das deutsche Gesundheitssystem in Bezug auf Frauengesundheit und Sexualmedizin endlich ins 21. Jahrhundert zu befördern.

Es ist Zeit mit veralteten Tabus zu brechen und sich gegen rückwärtsgewandte Rechtsprechung zur wehr zu setzen. Deswegen solidarisieren wir uns mit allen nach § 219a angezeigten Ärzt*innen, die genau das tun.

Wir fordern, dass sie nicht nur öffentlich darüber informieren dürfen, dass sie Abbrüche durchführen, sondern auch darüber welche Methoden sie anbieten! Wir fordern, dass Betroffene, Berater*innen und Ärzt*innen vor radikalen Abtreibungsgegner*innen geschützt werden!

Wir fordern ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch und eine gesetzlich garantierte, flächendeckende Versorgung ungewollt Schwangerer! Damit einhergehend fordern wir bessere Lehre und mehr Forschung an den Universitäten nicht nur zum Thema Schwangerschaftsabbruch, sondern auch zum Thema Sex und allen anderen damit verbundenen Facetten.

Deshalb fordern wir die Streichung der Paragraphen, die dem im Weg stehen: Weg mit 219a! Weg mit 218!

Still und unbemerkt: AfD befragt Bundesregierung zum Recht auf Schwangerschaftsabbruch

Die staatliche “Schutzpflicht für das ungeborene Leben” auf dem Prüfstand

von Alicia Baier

Von den Medien weitgehend unbemerkt stellte die AfD im April 2019 eine kleine Anfrage an die Bundesregierung, in der sie sich über das „Rechtsverständnis der Bundesregierung zum Schwangerschaftsabbruch“ erkundigte. Diese Anfrage sowie die Antwort der Regierung von Mai 2019 möchte ich zum Anlass nehmen, die aktuelle strafrechtliche Regelung des Schwangerschaftsabbruches (§218 und 219§ StGB) in Deutschland kritisch zu kommentieren. Denn diese Regelung bildet einen idealen Nährboden für Angriffe von rechts.
Dass ein medizinischer Eingriff wie der Schwangerschaftsabbruch unter Strafe steht und nur in Ausnahmesituationen von einer Bestrafung der Schwangeren abgesehen wird, ist keinesfalls selbstverständlich. Viele andere Länder, beispielsweise Kanada und Schweden, regeln Schwangerschaftsabbrüche außerhalb des Strafgesetzbuches. Womit die Bundesregierung das “grundsätzliche Verbot des Schwangerschaftsabbruches” legitimiert, wird in folgender Antwort deutlich.

Frage der AfD: Gehört das grundsätzliche Verbot des Schwangerschaftsabbruchs nach Rechtsauffassung der Bundesregierung zum Kernbestand der verfassungsmäßigen Ordnung?

Antwort der Bundesregierung: „Das Bundesverfassungsgericht hat das grundsätzliche Verbot des Schwangerschaftsabbruchs aus der staatlichen Schutzpflicht für das ungeborene Leben abgeleitet (vgl. BVerfGE 88, 203 [255] unter Verweis auf BVerfGE 39, 1 [44]). (…)“

Die Regierung beruft sich hier auf eine angebliche “Schutzpflicht für das ungeborene Leben” und verweist auf die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes von 1993 und 1975. Diese vermeintliche “Schutzpflicht” ist auf verschiedenen Ebenen fragwürdig.

Zuerst einmal ist der Begriff, der für das schützenswerte Rechtsgut verwendet wird, schwammig: das “ungeborene Leben”. “Leben” ist ein weiter Begriff, der hier für etwas sehr Spezifisches instrumentalisiert wird: den menschlichen Embryo. Nicht einmal Biolog*innen können klar definieren, ab wann Leben beginnt (1). Ist ein Spermium auch schon Leben? Es ist absurd, allgemeingültig für die gesamte Gesellschaft diese Grenze festzulegen und damit den Zugriff des Staates auf den weiblichen Körper zu rechtfertigen.

Ein Blick in die Geschichte offenbart, welche Motivation hinter dieser selbsternannten staatlichen “Schutzpflicht für das ungeborene Leben” meist liegt. In fast allen Monarchien, Diktaturen und kriegsführenden Staaten wurden und werden Selbstbestimmungsrechte von Schwangeren aus bevölkerungspolitischen Überlegungen beschnitten. So auch 1871, als Kaiser Wilhelm I. den Strafrechtsparagraph 218 nach verlustreichen Kriegen in das Strafrecht des neu gegründeten Deutschen Reiches einführte, um über genügend Soldat*innen und Arbeitskräfte zu verfügen. Wissenschaftliche Erkenntnisse des 18. Jahrhunderts über zellbiologische Vorgänge und die Befruchtung der Ei- durch die Samenzelle führten damals nicht etwa zu der Schlussfolgerung, dass dieses „potentielle Leben“ aus ethischer Sicht schützenswert sei, sondern der Staat leitete hieraus die Berechtigung ab, sich „in ihm einen zukünftigen Bürger zu erhalten“ (2, 3).
Auf die Spitze getrieben und rassistisch befeuert wurde diese bevölkerungspolitische Logik im Dritten Reich, als auf Abtreibungen sogar die Todesstrafe stand und selbst Verhütung verboten wurde – solange es sich um Personen handelte, deren Nachwuchs die Nationalsozialist*innen in ihrer zutiefst menschenverachtenden Logik als erwünscht klassifizierten. Wer Beihilfe zu Schwangerschaftsabbrüchen leistete und damit in den Augen der Nationalsozialist*innen “die Lebenskraft des deutschen Volkes” beeinträchtigte, erhielt ebenfalls die Todesstrafe (4). Aus dieser Zeit stammt auch der Paragraph 219a, der sogar Informationen zum Schwangerschaftsabbruch durch Ärzt*innen kriminalisiert und Anfang 2019 trotz überzeugender Gegenargumente im Wesentlichen beibehalten wurde.  Nach dem zweiten Weltkrieg wurde zwar die Todesstrafe auf Abtreibung aufgehoben, bevölkerungs- und sicherheitspolitische Interessen verhinderten aber weiterhin eine Liberalisierung der Abtreibungsgesetze. Kinderreiche Familien als stabilisierende kleinste Einheit des Staates wurden insbesondere angesichts der Bedrohungen durch den sogenannten „Kalten Krieg“ gefördert (2, 5).
Während zu Zeiten der Monarchie unter Wilhelm I. und der Diktatur unter Hitler noch unbefangen kommuniziert wurde, welche bevölkerungspolitische Motivation hinter dem Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen liegt, wurde es bei zunehmender Demokratisierung unserer Gesellschaft schwieriger, mit solchen Argumenten die Entmündigung von Frauen und Menschen mit Uterus (MmU) zu rechtfertigen. Im Zuge tiefgreifender politischer Debatten, die um die Verfassungsgerichtsentscheidungen von 1975 und 1993 geführt wurden, änderte sich fortan die Argumentationsstruktur: Die Regierung bezog sich nun auf Artikel 1 (Menschenwürde) und Artikel 2 (Recht auf Leben) des Grundgesetzes und schlussfolgerte hieraus ein grundsätzliches Verbot des Schwangerschaftsabbruches.
Im aktuellen Parteiprogramm der AfD wird deutlich, dass der bevölkerungspolitische Geist hinter Abtreibungsverboten aber bis heute weiter lebt und wirkt:

“Den demografischen Fehlentwicklungen in Deutschland muss entgegengewirkt werden. Die volkswirtschaftlich nicht tragfähige und konfliktträchtige Masseneinwanderung ist dafür kein geeignetes Mittel. Vielmehr muss mittels einer aktivierenden Familienpolitik eine höhere Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung als mittel- und langfristig einzig tragfähige Lösung erreicht werden.”

Diese Aussage erinnert an Hitlers Propaganda: „Der völkische Staat hat das Kind zum kostbarsten Gut eines Volkes zu erklären.“ (6) Unter dem Punkt “Willkommenskultur für Ungeborene” schreibt die AfD weiter: “Die AfD (…) ist im Einklang mit der deutschen Rechtsprechung der Meinung, dass der Lebensschutz bereits beim Embryo beginnt.” Die angebliche “Schutzpflicht für das ungeborene Leben”, auf die sich unser Staat beruft, kommt der AfD argumentativ äußerst gelegen.
Im Übrigen wissen die wenigsten, dass im Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1993, auf dem unsere heutige Gesetzeslage zum Schwangerschaftsabbruch beruht, im Rahmen des “verfassungsrechtlich gebotenen Schutzes” die Rede von einer “grundsätzlichen Pflicht zum Austragen des Kindes” ist (7). Angesichts der aktuellen Bedrohung von rechts sowie unseres Wissens um die historische Motivation hinter Abtreibungsverboten sollten wir vorsichtig sein, wenn heutzutage mit Menschenwürde argumentiert wird, um diese “Austragungspflicht” im Sinne der „Schutzpflicht des Staates“ zu rechtfertigen.

Die “Schutzpflicht des Staates”, ganz gleich, mit welchen Argumenten sie gerechtfertigt wird, ist in Bezug auf das vielbeschworene “ungeborene Leben” aber vor allem eines: nicht umsetzbar. Es ist schlichtweg unmöglich, Frauen und MmU durch staatliche Bevormundung und strenge Gesetze davon abzuhalten, wichtige Entscheidungen über ihr eigenes Leben zu treffen. Die Abbruchsrate ist in den Ländern, die Abtreibungen gar nicht oder nur bei Lebensgefahr der Schwangeren erlauben, nicht niedriger als in Ländern, die Abtreibungen auch in anderen Fällen erlauben (37 vs. 34 pro 1000 Frauen im reproduktiven Alter) (8). Wenn es keinen sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen gibt, treiben Frauen unter Einsatz ihres eigenen Lebens ab: Jährlich sterben mindestens 22.800 Frauen durch vermeidbare Komplikationen von unsicher durchgeführten Abbrüchen (9). Unsicher durchgeführte Abbrüche finden vor allem in den Ländern statt, in denen der Staat das “ungeborene Leben” mit besonders restriktiven Gesetzen zu “schützen” versucht (9). Wenn man die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche verringern möchte, muss man sich deren Gründe anschauen: In Deutschland waren dies 2017 vor allem berufliche und finanzielle Notlagen der Schwangeren (10). Bessere Unterstützungsangebote für Alleinerziehende und mehr Kita-Plätze könnten also zum Beispiel die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche senken.
Der von der AfD erwünschte bevölkerungspolitische Effekt bleibt durch das staatlich verordnete Abtreibungsverbot ebenfalls vollkommen aus. Deutschland ist beispielsweise eines der Länder mit den restriktivsten Abtreibungsgesetzen in Westeuropa, und hat gleichzeitig eine der niedrigsten Geburtenraten. Das beste Beispiel ist allerdings Polen: Dort sind Schwangerschaftsabbrüche seit 1993 nur bei Lebensgefahr der Schwangeren, nach Vergewaltigung oder bei Missbildungen des Embryos erlaubt. Trotz dieser massiven gesetzlichen Beschränkung sank die Geburtenrate zwischen 1993 und 2017 von 1,87 auf 1,39 Kinder pro Frau und wurde 2017 im europäischen Vergleich nur von Italien, Spanien und Zypern unterboten (11). Schweden und Frankreich hingegen gehen mit Schwangerschaftsabbrüchen deutlich liberaler um und unterstützen ungewollt Schwangere auf vielfältige Weise darin, die für sie richtige Wahl zu treffen. Es sind die beiden europäischen Länder mit den höchsten Geburtenraten mit 1,9 Kindern pro Frau (11).
Es gibt aber tatsächlich einen historischen Fall, in dem das Abtreibungsverbot zu einer Zunahme der Geburten führte: Das soziale Experiment “Dekret 770” unter dem rumänischen Diktator Ceaușescu, welcher gebärfähige Menschen mit Zwangsuntersuchungen systematisch überwachen ließ, um Schwangerschaften möglichst früh zu detektieren. Damit machte er illegale Abtreibungen unmöglich. Die Folge war eine enorme Zunahme an Heim- und Straßenkindern, was den Staat vor große soziale und ökonomische Probleme stellte. Dies illustriert einmal mehr: Die betroffenen Frauen und MmU sind die einzigen, die eine auf ihre individuelle Situation abgestimmte, verantwortungsvolle Entscheidung treffen können.

In einer zweiten Frage der AfD und der Antwort der Regierung wird dann auch klar, auf wessen Kosten die Durchsetzung von “Schutzpflicht” und “Austragungspflicht” immer gehen wird:

Frage: Gibt es nach Rechtsauffassung der Bundesregierung ein Recht auf Abtreibung oder kann es ein solches geben?

Antwort: „Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts greifen Grundrechte der Frau gegenüber dem grundsätzlichen Verbot des Schwangerschaftsabbruchs nicht durch. (…)“

Deutlicher hätte es die Bundesregierung im Jahr 2019 nicht formulieren können: Wir berauben Frauen und MmU ihrer Grundrechte, sobald sie schwanger sind. Wir behandeln sie wie Embryonen-Container und sprechen ihnen die Kompetenz ab, über ihren Körper, ihre Fruchtbarkeit und ihre Sexualität verantwortungsvoll zu entscheiden. Gleichzeitig erwarten wir von Frauen weiterhin, die Erziehungsarbeit geborener Kinder kostenlos und mit ungenügender staatlicher Unterstützung zu übernehmen. Seit 1871 leben wir mit dieser Doppelmoral: Der Staat bemüht sich mit großem Aufwand um das “ungeborene Leben”, überlässt die Sorge um das geborene Leben aber weitgehend den Frauen.

Die angebliche “Schutzpflicht” des Staates für das “ungeborene Leben” ist nicht realisierbar. Sie ist das Relikt einer zweifelhaften historischen Tradition, in der der Machtanspruch des Staates schwerer wiegt als das Selbstbestimmungsrecht seiner Bürger*innen. Es stellt sich die Frage, warum der Staat immer noch an dieser nicht umsetzbaren Illusion festhält.
Am Ende geht es, wie so oft, um Macht. Und darum, wie sie verteilt ist und wer sie ausübt. Wer entscheidet über solch intime Bereiche wie unsere Fruchtbarkeit und Sexualität? Wie viele Rechte wollen wir als Gesellschaft den Frauen übertragen? Es gibt einige in diesem Land, die Angst haben. Sie haben Angst davor, Privilegien, Kontrolle und Macht abzugeben, und sehen das patriarchale System in Gefahr, von dem sie profitieren. In Alabama stimmten gerade 25 weiße Männer für eine Gesetzesverschärfung, die Schwangerschaftsabbrüche selbst nach Vergewaltigung und bei Inzest bestraft. Die still und unbemerkt abgelaufene kleine Anfrage der AfD an die Bundesregierung sollte uns ein Anlass sein, aufzuhorchen und uns frühzeitig gegen solche Entwicklungen zu organisieren.

Ich möchte ganz herzlich Dr. Christian Fiala für den inhaltlichen Input danken.

Quellen:

  1. Waltraut Schwab: Es gibt kein ungeborenes Leben, taz 02/2019.
    Abgerufen 05/2019 hier: http://www.taz.de/!5568971/
  2. Dirk von Behren: Kurze Geschichte des Paragraphen 219 Strafgesetzbuch, Bundeszentrale für politische Bildung 05/2019.
    Abgerufen 05/2019 hier: http://www.bpb.de/apuz/290795/kurze-geschichte-des-paragrafen-218-strafgesetzbuch?p=all#footnode4-4
  3. Paul Johann Anselm Feuerbach: Lehrbuch des gemeinen in Deutschland gültigen peinlichen Rechts, Gießen 1820, S. 350.
  4. RGBl. I 1943, S. 140f.
    Abgerufen 05/2019 hier: http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?apm=0&aid=dra&datum=19430004&seite=00000140&zoom=2
  5. Christian de Nuys-Henkelmann: „Wenn die rote Sonne abends im Meer versinkt …“, Die Sexualmoral der fünfziger Jahre, in: Anja Bagel- Bohlan/Michael Salewski (Hrsg.), Sexualmoral und Zeitgeist im 19. und 20. Jahrhundert, Opladen 1990, S. 107ff.
  6. Adolf Hilter: Mein Kampf, 1943, S. 446.
    Abgerufen 05/2019 hier: https://wikilivres.org/wiki/Page:Adolf_Hitler_-Mein_Kampf(855._Auflage,_1943).pdf/480
  7. Bundesverfassungsgerichtsurteil v. 28.05.1993, Az.: 2 BvF 2/90.
    Abgerufen 05/2019 hier: https://www.jurion.de/urteile/bverfg/1993-05-28/2-bvf-2_90/
  8. Guttmacher Institute: New Report Highlights Worldwide Variations in Abortion Incidence and Safety, 2018.
    Abgerufen 05/2019 hier: https://www.guttmacher.org/news-release/2018/new-report-highlights-worldwide-variations-abortion-incidence-and-safety
  9. Guttmacher Institute: Induced Abortion Worldwid, 2018. Abrufbar hier: https://www.guttmacher.org/fact-sheet/induced-abortion-worldwide
  10. Pro Familia factsheet: Fakten zum Schwangerschaftsabbruch in Deutschland, 2017.
    Abgerufen 05/2019 hier: https://www.profamilia.de/fileadmin/profamilia/verband/8_Fakten_zum_Schwangerschaftsabbruch_web.pdf
  11. The World Bank, 2017.
    Abgerufen 05/2019 hier: https://data.worldbank.org/indicator/SP.DYN.TFRT.IN?locations=PL-EU

„Save a life. Kill your boner.“

‚Pro-Life Nebraska‘ engagiert sich für Lebensschutz mit einem etwas anderen Motto: „Save a life. Kill your boner.“ Sie wollen die Anzahl von Abtreibungen minimieren, indem sie unverantwortliche Ejakulation verhindern wollen. Dafür haben sie ein hilfreiches Handout erstellt:

http://prolifenebraska.com/boners-kill/

Klingt absurd? So absurd ist unsere aktuelle Gesetzeslage aber gerade. Mit der Begründung ‚Leben schützen zu wollen‘, legitimiert die Politik aktuell, über den Körper von Frauen und Menschen mit Uterus bestimmen zu dürfen.

Jede Person hat das Recht selbstbestimmt über den eigenen Körper und damit die eigenen Reproduktionsorgane zu entscheiden. Niemand will vorgeschrieben bekommen, ob man ejakulieren darf. Genauso wenig wollen Schwangere nicht, dass über deren Uterus bestimmt wird. Und wenn dies doch getan wird, werden diese Personen andere Wege finden, Abbrüche durchzuführen. Restriktive Gesetze werden also keine Abtreibungen verhindern, sondern stattdessen zu mehr unsicheren Abbrüchen führen und damit das Leben der Betroffenen in Gefahr setzen. Das soll ‚Lebensschutz‘ sein?!

Das Thema Schwangerschaftsabbruch betrifft uns alle, unabhängig von Biologie. Statt uns zu bekämpfen, sollten wir zusammenarbeiten. Wer die Anzahl an Schwangerschaftsabbrüchen minimieren will, kann an sehr vielen verschiedenen Stellen ansetzen: investiert in Sexualaufklärung, erleichtert den Zugang zu Verhütungsmitteln, v.a. zu Langzeitmethoden, minimiert Zugangsbarrieren und schafft mehr Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, unterstützt Familien mit geringem Einkommen uvm. Macht all das und viel mehr, doch bitte hört auf den Schwangerschaftsabbruch zu kriminalisieren.

… nur als kleiner Denkanstoß…

Liebe Grüße
Leonie von MSFC Berlin

Was ist denn da in Alabama los?!

Es ist wirklich unvorstellbar was aktuell in den USA geschieht: In Alabama sind nun Schwangerschaftsabbrüche in fast allen Fällen illegal, auch nach Vergewaltigungen. Ärzt*innen, die einen Abbruch durchführen können eine Haftstrafe bis zu 99 Jahren erhalten. Im Vegleich dazu: für Inzest liegt die Höchststrafe bei 10 und für Vergewaltigung bei 20 Jahren. In Georgia, Ohio, Kentucky und Mississippi sind Abbrüche ab der Registrierung eines „fetalen Herzschlages“ (ca. Woche 6) verboten – ein Zeitpunkt, zu dem die meisten noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind. In Ohio dürfen auch Eileiterschwangerschaften – eigentlich ein lebensgefährlicher Zustand für die Schwangeren – nicht abgebrochen und sollen stattdessen in die Gebärmutter ‚zurückverpflanzt‘ werden: einen Eingriff, den es in der Medizin gar nicht gibt. Das sind jedoch nur einige Beispiele.

Die traurige Wahrheit ist, dass Fundamentalist*innen/ Anti-Choice-Personen/ Anti-Feminist*innen gerade Hand in Hand arbeiten, um Rechte von Frauen und Menschen mit Uterus , Rechte auf körperliche, reproduktive Selbstbestimmung sowie körperliche Unversehrtheit und politische Mitbestimmung einzuschränken.

Menschen zu zwingen, die Schwangerschaft auszutragen ist menschenverachtend. Menschen mit Uterus sind keine Gebärmaschinen. Sie haben das Recht darüber zu entscheiden, was mit ihrem Körper geschieht. Und dieses Recht werden sie einfordern, ob es legal ist oder nicht. Verbote werden also nicht dazu führen, dass weniger Abbrüche durchgeführt werden, sondern nur dass diese unsicherer werden und setzen damit das Leben der Schwangeren in Gefahr (Guttmacher Institut).

Die Washington Post gibt eine Übersicht über die Gesetzeslage zum Schwangerschaftsabbruch in den unterschiedlichen US-Staaten und wann welche Veränderungen vorgenommen wurden. Da wird deutlich, dass in den letzten Jahren, aber v.a. in 2019, die Gesetzeslage in der Mehrheit der Staaten immer extremer und restriktiver geworden ist. Wer also glaubt, dass einmal erreichte Errungenschaften nicht mehr verloren gehen können, hat sich getäuscht.

(Quelle Washington Post)

Das Problem ist, dass solche Gesetze oft von Menschen beschlossen werden, die nicht wissen, was es bedeutet, schwanger zu sein. Auch im Senat in Alabama gibt es genau 4 Frauen, welche damit deutlich unterrepräsentiert sind. Die 25 Ja-Stimmen stammen – wer hätte es gedacht – von weißen Männern. Es kann nicht sein, dass diese über das Schicksal und den Körper einer Frau/ Mensch mit Uterus entscheiden!

(Quelle: CNN)

Denn es zeigt sich immer wieder, dass diese Politiker*innen nichts über die weibliche Anatomie wissen, nicht verstehen wie der Körper funktioniert und sich meist noch nie näher mit dem Thema ‚Schwangerschaftsabbruch‘ auseinander gesetzt haben. Paradebeispiel ist das Interview mit Jim Buchy von 2012. Jim Buchy ist Republikaner und großer Abbruchs-Gegner. In Ohio arbeitet er engagiert daran, die Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch restriktiver zu gestalten. Über die Frage, warum Frauen einen Abbruch durchführen, hat er sich aber noch nie Gedanken darüber gemacht:

Die aktuellen Entwicklungen lassen einen nur den Kopf schütteln. In was für eine Richtung entwickelt sich unsere Welt? Wie kann es sein, dass Menschen mit Uterus auch noch im Jahr 2019 darum bangen muss, selbstbestimmt über den eigenen Körper entscheiden zu dürfen?

Deswegen brauchen wir – heute mehr denn je – jeden Einzelnen von euch! Organisiert euch und seid laut! Geht auf die Straßen und demonstriert mit uns! Informiert euch und euren Umkreis! Ihr habt einen Schwangerschaftsabbruch gehabt? Erzählt es euren Mitmenschen! Helft uns, das Stigma zu durchbrechen!

Liebe Grüße
Leonie von MSFC Berlin

Der medikamentöse Schwangerschaftsabbruch in der hausärztlichen Praxis

Eine Möglichkeit zur Verbesserung der Versorgungslage in Deutschland?

Bitte verbreiten Sie folgendes Fortbildungsangebot von Berliner Gynäkologinnen weiter, insbesondere an Hausärzt*innen. Danke. Ihre MSFC.

„In den letzten 15 Jahren ist in Deutschland die Zahl der Einrichtungen, die einen der jährlich rund 100.000 Schwangerschaftsabbrüche anbieten von etwa 2000 auf etwa 1200 zurückgegangen. Besonders im ländlichen Bereich bedeutet dieser Rückgang, dass betroffene Frauen häufig lange Wege zurücklegen müssen und die Versorgungslage immer problematischer wird.
Seit 1999 ist neben der operativen Methode der medikamentöse Schwangerschaftsabbruch (mSAB) mit den Medikamenten Mifepriston und einem Prostaglandin zugelassen. Seitdem steigt der Anteil dieser Methode nur langsam und mit grossen regionalen Unterschieden an und liegt aktuell mit ca. 20% weit unter dem europäischen Durchschnitt, wo die Methode in bis zu 80% der Fälle angewendet wird.
In Deutschland wird der mSAB bisher fast ausschließlich von Gynäkolog*innen durchgeführt, während in anderen europäischen Ländern der Zugang häufig über die hausärztlichen Praxen erfolgt.

In diesem Workshop wollen wir mit interessierten Allgemeinmediziner*innen die Möglichkeiten ausloten, inwieweit ein Einbeziehen der hausärztlichen Praxen die Versorgungslage von ungewollt Schwangeren verbessern könnte und die praktischen
Grundlagen des mSAB vermitteln.
Es werden praxisnah sowohl die medizinischen Aspekte der Durchführung eines mSAB (Medikamente, Feststellung des Schwangerschaftsalter, Kontraindikationen, mögliche Komplikationen etc.) als auch rechtliche und organisatorische Fragen behandelt.

Ort und Zeitpunkt:
Profamilia Berlin, Kalckreuthstrasse 4, 10777 Berlin
Freitag, 13.9.19 14:30-18:30

Referentinnen:
Dr.med. Jana Maeffert, Dr. med. Blanka Kothé
Fachärztinnen für Gynäkologie und Geburtshilfe

Kosten:
Fachärzt*innen: 50 Euro
Ärzt*innen in Weiterbildung/Teilzeit: 30 Euro
Studierende: 20 Euro

Es werden Fortbildungspunkte bei der Ärztekammer Berlin beantragt

Anmeldung und Fragen: janamaeffert@web.de“

FDP macht Rückzieher! Wehrt euch mit einem Brief…

Nach der Verkündigung des ‚Kompromisses‘ zu §219a kündigten Grüne, Linke und FDP an, eine Verfassungsklage vor dem Bundesverfassungsgericht zu planen. Es sollte geprüft werden, ob die Novelle des Paragraphen tatsächlich grundgesetzkonform sei. Zur Einreichung werden 25 Prozent der Abgeordneten des Bundestags benötigt, die nur mit der Unterstützung aller 3 Parteien erreicht werden kann. Die FDP rudert nun zurück. Stephan Thomae, stellvertretende Vorsitzende der FDP, erklärt, er schätze die Erfolgschancen nicht groß genug ein und rät von der Klage ab. Dabei lässt er außer Acht, dass es in nicht unerheblichem Maße auch um das politische Signal geht, das mit einer solchen Klage gesendet würde.
Grünen und Linke, sowie alle, die für die körperliche Selbstbestimmung kämpfen, sind enttäuscht! Zu recht kommentieren die Grünen: „Wenn es der FDP wirklich um Rechtssicherheit für Medizinerinnen und Medizinern und um die Informationsfreiheit für Frauen geht, sollte sie nochmal eingehend prüfen, ob das ihr letztes Wort ist.“

Wenn ihr genauso enttäuscht von der FDP seid wie wir, sendet diesen Brief per Email an stephan.thomae@bundestag.de. Oder ihr wählt den Briefweg und sendet ihn an Stephan Thomaes Bundestags-Adresse:

Platz der Republik 1
11011 Berlin
Deutschland

Das Muster hat freundlicherweise Christiane von Rauch, Allgemeinärztin aus Frankfurt am Main, verfasst. Gemeinsam sind wir stark!! Danke für eure solidarische Hilfe.

________________________________________________________________

Sehr geehrter Herr Thomae,
Sehr geehrte Fraktionsmitglieder der FDP im Deutschen Bundestag,

mit Erstaunen und Sorge, nein mit Empörung habe ich davon Kenntnis erhalten, daß Ihre Fraktion sich von ihrer bisherigen Entscheidung entfernt, gemeinsam mit den Fraktionen der Grünen und Linken ein Normenkontrollverfahren beim Verfassungsgericht zur nunmehr erfolgten Gesetzesänderung des § 219a zu beantragen (siehe: taz.die tageszeitung vom 04.05.2019 https://www.taz.de/!5589337 FDP rückt von Klage gegen Paragraf 219a ab).

Herr Thomae, Sie persönlich hatten ja in der entscheidenden Bundestagsdebatte diesen Vorschlag gemacht! Selbst wenn Sie Zweifel am Erfolg eines solchen Verfahrens haben, ist es meiner Meinung nach ein fatales politisches Signal, wenn Sie sich aus der Thematik in dieser Form zurückziehen.
Die FDP hat sich gerade im Gesetzgebungsverfahren zum §219a sehr deutlich und vehement für die Streichung des § 219a aus dem StGB ausgesprochen und damit die Rechte der Schwangeren und der Ärzt*innen auf ungehinderten Zugang zur Information zum Schwangerschaftsabbruch gestärkt. Nicole Bauer zum Beispiel äußerte sich in einer klaren und engagierten Rede zum §219a.

Der §219a auch in der jetzt erfolgten Kompromisslösung ist untragbar, er bringt keine durchgreifende Besserung! Er gehört endgültig aus dem StgB entfernt. Die meisten juristischen Sachverständigen halten, wie Ihnen bekannt sein dürfte, den § 219a für nicht verfassungskonform.
Auch und gerade im Hinblick auf den europa-, ja, weltweiten Vormarsch der rechten und christlichen Fundamentalisten mit dem Ziel der Aushöhlung und Rücknahme der Menschenrechte auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung, auf reproduktive Selbstbestimmung, also auch auf Abtreibung, Ehe für alle etc. ist es geradezu eine Pflicht für liberale Demokrat*innen hier Flagge zu zeigen.

Bitte seien Sie sich Ihrer Verantwortung zum Thema Schwangerschaftsabbruch, Selbstbestimmungsrechte und Menschenrechte bewußt und bringen Sie mit den anderen beiden Fraktionen (und sicherlich auch vielen MdBs der SPD Fraktion) die Normenkontrollkontrolle auf den Weg.

Betroffene Menschen und Ärzt*innen rechnen auf Sie!
Die angeklagten Ärzt*innen benötigen weiter Ihre Unterstützung!
Weichen Sie nicht zurück! Menschen mit Uterus und Ärzt*innen werden es Ihnen danken!

Mit freundlichem Gruß

„Die Gebärmutter einer Frau ist keine Papaya.“

Liebe Interessierte, Liebe Unterstützer*innen,

Vor Kurzem hat uns nachfolgende E-Mail eines unserer künftigen Kollegen erreicht. Da darin Vorwürfe formuliert werden, denen wir öfter Paroli bieten müssen, möchten wir sowohl die Nachricht als auch unsere Antwort darauf hier veröffentlichen.

Wir hoffen, damit auch anderen Menschen – die uns hoffentlich freundlicher gesinnt sind – mögliche Fragen beantworten zu können.

Eure Medical Students for Choice

Sehr geehrter Herr ,

Da Sie die „unwichtige Marginalie“ immerhin für so wichtig empfunden haben, sie niederzuschreiben, möchten wir gerne darauf eingehen. 

Wie Sie vermutlich wissen, ist die Bezeichnung „Studierende“ ein Kompromiss, der eine der vielen Unzulänglichkeiten der deutschen Sprache umgehen soll. Um unnötige Konstruktionen mit Unterstrich, Binnen-I oder Gendersternchen zu vermeiden, erscheint es uns als eleganter – sofern möglich – auf Konstruktionen wie die obige zurückzugreifen. Dass Sprache unser Denken beeinflusst, ist mittlerweile zweifellos wissenschaftlich nachgewiesen, sodass diese Erkenntnisse glücklicherweise auch Eingang in unsere gesellschaftlichen Umgangsformen finden. Abgesehen davon zeugt es von Respekt, wenn man alle Angesprochenen auch tatsächlich anspricht und nicht nur „mitmeint“, wie Sie das mit Ihrer Formulierung tun. 

Viele Ihrer Fragen haben wir bereits mehrfach auf unserer Homepage bzw. in Interviews (die meisten davon sind ebenfalls ebendort verlinkt) beantwortet. Nichtsdestotrotz möchten wir sie Ihnen gerne nochmals persönlich beantworten.

Der Gegenstandskatalog der Staatsexamina für Humanmedizin in Deutschland sieht vor, dass wir neben den rechtlichen und ethischen auch die medizinischen Aspekte zum Thema Schwangerschaftsabbruch beherrschen. Da letztere aber in unserem Curriculum an der Charité bisher nicht behandelt wurden, fordern wir ein, worauf wir ein Recht haben: dass unsere Universität uns auch das lehrt, was wir für diese Prüfungen können müssen. 

Unsere Forderungen beziehen sich auf die theoretische Behandlung dieser praktischen Aspekte (medikamentöser Abbruch und operativer Abbruch + jeweilige Vor- und Nachteile), die im Übrigen an vielen Universitäten nicht stattfindet, wie aus den Recherchen von Miriam Lenz hervorgeht. 

So wie wir eben auch die Schritte einer Appendektomie, einer Hemikolektomie, einer Cholezystektomie etc. pp. (allesamt im Gegenstandskatalog der Charité verankert) erlernen.

Die Papaya als Modell bzw. der Papayaworkshop als Lehrkonzept ist international anerkannt und beider Berechtigung bereits mehrfach durch Studien belegt. Es wäre daher vermessen, zu behaupten, wir wüssten es besser und könnten mit besseren Modellen oder Lehrkonzepten aufkommen, weswegen sich die Adaption genau dieses Lehrformats nicht nur anbietet, sondern durchaus geboten ist. Es sei hier nur eine Randbemerkung, dass sich die Charité es hätte einfach machen und den Workshop einfach ins Curriculum hätte integrieren können. Schließlich wird er bspw. an der University of California und an mehreren anderen Med Schools weltweit bereits von den Universitäten selbst angeboten, womit die jeweiligen Länder völkerrechtlichen Forderungen bspw. der UN (und hier auch relevant des Europarats) nachkommen.

Im Workshop wird selbstverständlich neben den Methoden auch auf die jeweiligen Komplikationen eingegangen. Wir möchten Sie aber auch darauf hinweisen, dass Schwangerschaftsabbrüche zu den sichersten und komplikationsärmsten Eingriffen überhaupt zählen, sofern sie von medizinischem Fachpersonal durchgeführt werden. 

Wir haben dabei nie behauptet, dass man nach dem Besuch unsere Workshops einen Abbruch durchführen kann. Genauso wenig behauptet ja auch unsere Universität, dass wir nach einmaligen Praktika zu Nahtversorgung, Blasen- oder zentralvenösen Katheter etc. all diese Eingriffe beherrschen. Jedoch hat man nach unserem Workshops sowohl die theoretischen Inhalte gehört, die unsere Universität bislang verpasst hat uns zu lehren, als auch einen Eindruck davon bekommen, wie der Eingriff praktisch abläuft. Es sei außerdem angemerkt, dass der Papayaworkshop maßgeblich von 3–4 Gynäkologinnen mitgestaltet wird, die zusammen um die 100 Jahre Berufserfahrung haben. Insofern wird die Veranstaltung von ausreichend Expertise begleitet. 

Ihre Unterstellung, wir sowie die uns unterstützenden Gynäkolog*innen seien frauenverachtend, sehen wir Ihnen also aufgrund Ihrer Unwissenheit nach. 

Frauenverachtend ist es hingegen, zu behaupten, dass das Thema in der Basisausbildung/ im Medizinstudium irrelevant sei, wenn es in Deutschland etwa 30% (unbeabsichtigte Schwangerschaften) bzw. knapp 17% (ungewollte Schwangerschaften) der Frauen betrifft (siehe hierzu entsprechende Studien der BzgA).

À propos ist es in Deutschland – auch aufgrund der misogynen Gesetzeslage – keinesfalls so, dass Schwangerschaftsabbrüche von Gynäkolog*innen beherrscht werden müssen (vgl. hierzu entsprechende Ausbildungskataloge). Insofern ist Ihre Bemerkung, dass dieser Eingriff alleinig in diese Fachdisziplin gehört, nicht nur hinfällig, sondern schlichtweg falsch, weil die Versorgung – egal durch welche Disziplin – in Deutschland nicht gesichert ist. 

Im Gegensatz zu vielen Gynäkolog*innen hat Frau Hänel nicht nur jahrelang in der Schwangerschaftskonfliktberatung gearbeitet, sondern sich auch die Mühe gemacht, den Schwangerschaftsabbruch in den Niederlanden zu erlernen. Und offensichtlich führt sie ihn nun schon seit Jahrzehnten sicher und zuverlässig durch und versorgt damit als einzige (!) ungewollt Schwangere im Großraum Gießen (es sei hier angemerkt, dass noch nicht einmal das Uniklinikum Gießen/ Marburg Abbrüche anbietet). 

Unter Umständen ist es Ihnen als Psychiater nicht geläufig, dass in den operativen Fächern gilt „wer kann, der*die darf“. Wenn Sie sich also an Frau Hänels Facharzt für Allgemeinmedizin stoßen, dann ist das – mit Verlaub – Ihr Problem. Denn wer die OP-Zulassung hat, der*die darf auch operieren.

Darüber hinaus wird der Eingriff in anderen Ländern ebenfalls von anderen Fachärzt*innen (eben bspw. aus der Allgemeinmedizin) oder in Skandinavien auch von Hebammen/ Entbindungspfleger*innen durchgeführt.

Um auch auf die letzte „marginale“, aber wohl doch ausreichend wichtige Bemerkung einzugehen: Der Name unserer Gruppe stammt von der amerikanischen Mutterorganisation (Link hierzu ebenfalls zu finden auf unserer Homepage). Im angloamerikanischen Raum bezeichnet „pro choice“ oder „for choice“ die Ansicht, dass Schwangeren grundsätzlich selbst die Entscheidung überlassen werden sollte, ob sie eine (ungewollte) Schwangerschaft austragen oder nicht. Und wir sind davon überzeugt, dass alle Menschen, ob mit oder ohne Uterus, selbst darüber entscheiden können, was sie ihrem Körper zumuten wollen oder nicht.

Ich hoffe, die Unklarheiten damit ausreichend beseitigt zu haben. 

Mit freundlichen Grüßen in die Heimat

Amelie von MSFC Berlin

Positionierung zum Kompromissvorschlag bzgl. §219a

Am 28.01.2019 kam die Große Koalition nach monatelangen Gesprächen zu einem gemeinsamen Beschluss bzgl. des §219a. Der Paragraph – und damit das Werbeverbot – bleibt bestehen, und wird lediglich um einen Abschnitt ergänzt. In diesem heißt es, dass Ärzt*innen und Kliniken nun darauf hinweisen dürfen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen, nicht jedoch weitere Informationen zu den Methoden o.Ä. geben. Zudem soll die Pille bis zum 22. Lebensjahr von den Krankenkassen übernommen werden. Justizministerin Katharina Barley kommentiert dazu: „Wir stellen sicher, dass betroffene Frauen in einer persönlichen Notsituation an die Informationen gelangen, die sie benötigen“ [1]

Viele Fragen bleiben offen. Klar ist, der stigmatisierende und kriminalisierende Naziparagraph (verabschiedet 1933) bleibt bestehen. Warum wir nicht zufrieden damit sind:

  1. Unsere Regierung scheint davon auszugehen, dass allein Frauen für das Thema ‚Verhütung‘ zuständig sind und v.a. junge, „arglose“ Frauen* ungewollt schwanger werden. Das stimmt nicht! Trotz perfekter Anwendung ist kein Verhütungsmittel 100% sicher. Die meisten Schwangerschaftsabbrüche werden von Frauen über 25 Jahren vorgenommen. Woher also diese scheinbar willkürlich gewählte Altersgrenze von 22 Jahren? Verhütung (für alle Geschlechter!) sollte grundsätzlich kostenlos sein!
  2. Schwangerschaftsabbrüche bleiben weiter Straftatbestand und werden somit nicht wie jeder andere medizinische Eingriff behandelt. Damit soll es betroffenen Frauen also weiterhin erschwert bleiben, objektive und kompetente Informationen zum Schwangerschaftsabbruch zu erhalten. Warum darf im 21. Jahrhundert eine (ungewollt) schwanger Person immer noch nicht selbst entscheiden, welche Informationen ihr zustehen?
  3. Die Regierung scheint ein großes Misstrauen gegenüber Ärzt*innen zu haben. Sie glauben wohl, dass sie Schwangere vor (werbenden, Profit-gierigen) Ärzt*innen schützen müssen und vertrauen nicht darauf, dass diese stattdessen einfach ihren Beruf ausüben und Frauen in Notsituationen unterstützend und beratend zur Seite stehen möchten. Deswegen gestehen sie Ärzt*innen nur zu, öffentlich zu erwähnen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen, jedoch keine weiteren Informationen zum Eingriff (z.B. Methoden, Ablauf, Kontraindikationen, Risiken) hinzuzufügen. Es ist interessant, dass dieses Misstrauen nur beim Schwangerschaftsabbruch und nicht bei anderen medizinischen Eingriffen besteht.

Auf einen solchen faulen Kompromiss wollen wir uns nicht einlassen. In der „Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women“ der United Nations steht hingegen schon seit langem: Die Kriminalisierung von Behandlungen, die nur Frauen benötigen, einschließlich Schwangerschaftsabbrüchen, ist eine Form der Diskriminierung gegen Frauen. Die Kriminalisierung der Ärzt*innen, die diese Behandlungen anbieten, verletzt Frauenrechte. Die Staaten haben die Verpflichtung die Rechte der Frauen bzgl. des Schwangerschaftsabbruches zu respektieren, zu schützen, und zu erfüllen! [2] Der §219a verstößt gegen all diese Punkte!

Wir fordern ein Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Schwangerschaftsabbrüche dürfen kein Straftatbestand mehr sein. §219a muss immer noch weg.

[1] https://www.zdf.de/nachrichten/heute/koalitionsbeschluss-aenderungen-paragraf219a-102.html#xtor=CS5-48

[2] übersetzt nach https://www.ohchr.org/en/issues/women/wrgs/pages/healthrights.aspx und https://tbinternet.ohchr.org/_layouts/treatybodyexternal/Download.aspx?symbolno=CEDAW/C/GC/35&Lang=en

Mediziner*innen gegen §219a StGB!

Ihr habt es satt, dass ihr später dafür verklagt werden könnt, wenn ihr eure Patientinnen zu Schwangerschaftsabbrüchen informiert? Ihr seid dafür, dass der entsprechende §219a im Strafgesetzbuch gestrichen wird? Dann unterstützt uns diesen Samstag bei der Kundgebung am Rosa-Luxemburg-Platz!

Wir haben Plakate gebastelt mit der Aufschrift „Mediziner*innen gegen 219a StGB“ und würden gerne einen eigenen Mediziner*innen-Block bilden – weil wir als zukünftige Ärzt*innen die Verantwortung haben, uns für die Gesundheit von ungewollt Schwangeren und gegen deren und unsere Kriminalisierung einzusetzen.

Das heißt konkret: Ihr kommt als Vertreter*innen aus der Medizin – gerne symbolisch sichtbar mit weißem Kittel, Kasack oder Stethoskop – und wenn ihr wollt, könnt ihr Teil unserer Fotoprotestaktion werden. Wir werden alle, die möchten, in Gruppen oder einzeln mit den entsprechenden Plakaten oder zugeklebten Mündern fotografieren und das ganze über unsere Kanäle verbreiten. In vielen anderen Städten werden ähnliche Fotoaktionen stattfinden. Zusammen sind wir mehr!

Wir bringen ein paar mehr Kittel mit, auch Nicht-Mediziner*innen können natürlich gerne bei den Fotos mitmachen!

Was?
Keine Kompromisse! #wegmit219a – Kundgebung in Berlin mit Acts, Arts and Action!

Unser Treffpunkt:
Wann? um 11.45 Uhr am Samstag, 26.01.19
Wo? am Räuberrad am Rosa-Luxemburg-Platz (das steht auf dem Rasen vor der Volksbühne)

Beginn der Kundgebung: 12 Uhr