Die psychische Belastung durch den Schwangerschaftsabbruch würde nicht ausreichend thematisiert werden.

Ohne Frage ist der psychische Aspekt des Schwangerschaftsabruches (SAB) ein sehr wichtiges Themenfeld. So haben wir uns auch dafür eingesetzt, dass ab dem Sommersemester 2019 zwei neue Veranstaltungen zum SAB ins Curriculum eingeführt werden, die vermehrt die ethischen, rechtlichen und gesellschaftspolitischen Dimensionen thematisieren sollen. Wichtig ist uns dabei, dass diese Darstellung differenziert geschieht, da es meist die ungewollte Schwangerschaft und nicht zwangsläufig jeder SAB ist, der zu einer psychischen Belastung führt. Zolese et al. (1992) zeigte, dass die psychische Belastung vor dem SAB am größten ist. Die unerwünschte Schwangerschaft führt zu einer Lebenskrise und ist dementsprechend mit einem erhöhten Risiko für psychische Probleme verbunden [1]. Diese Probleme treten gleich häufig auf, egal ob die Frau die Schwangerschaft abbrechen ließ oder austrug [2]. Studien von Gilchrist et al. (1995) und der APA Task Force on Mental Health and Abortion in 2008 bestätigen diese Aussagen [3,4]. Der SAB selbst kann zur Reue und damit Erhöhung des psychischen Stresses führen, jedoch auch (in den meisten Fällen) eine Erleichterung darstellen und Stressabbau ermöglichen [5]. Die Mehrheit der Frauen bereuen den Eingriff auch nach 3 Jahren nicht [6].
Deshalb kritisierten wir ein Lernziel, das in der bisher einzigen Veranstaltung zum SAB im Medizincurriculum der Charité (ein Seminar zu Pränataldiagnostik im 9. Semester) so formuliert worden war: “Die durch einen Schwangerschaftsabbruch entstehende psychische Belastung im gesellschaftlichen Kontext wahrnehmen können.” Wir fänden folgende Formulierung beispielsweise passender: “Die durch eine ungewollte Schwangerschaft entstehende psychische Belastung im gesellschaftlichen Kontext wahrnehmen können.”

Das Ziel des “Papaya-Workshops” ist, einen Überblick über die rechtliche, ethische Lage des SABs zu geben und medizinische Aspekte und Methoden zu erörtern und das zu lehren, was die Uni nicht lehrt. Deswegen stellt die psychische Belastung tatsächlich keinen thematischen Schwerpunkt dar. Die Dimensionen der psychischen Belastung werden allerdings in einigen Folien in der Präsentation sowie im persönlichen Dialog mit den Gynäkolog*innen in den Kleingruppen thematisiert. Die oben genannte Aspekte werden erwähnt und es wird betont, dass es vor allem die ungewollte Schwangerschaft selbst ist, die psychischen Stress auslöst – nicht der eigentliche SAB – da die betroffene Frau weitreichende, schicksalshafte Entscheidungen treffen muss. Sowohl intrapersonelle als auch zwischenmenschliche Konflikte können hier aufkommen. Im Workshop werden zudem Faktoren erwähnt, die den psychischen Stress einer Abtreibung erhöhen:

  • äußerer Druck, der eine freie Entscheidung der Frau verhindert
  • moralische Verurteilung durch die Umgebung
  • Zwang zur Verheimlichung
  • fehlende Unterstützung durch nahestehende Menschen
  • schlechte Behandlung durch Berater*innen und medizinisches Personal

Insgesamt ist es einfach unmöglich, in 120 Minuten alle mit dem SAB assoziierten Themenbereiche vollständig abzudecken. Der “Papaya-Workshop” ist jedoch nicht die einzige Veranstaltung ist, die wir als “Medical Students For Choice Berlin” organisieren. Wir organisieren zudem andere Vorträge, Seminare und Podiumsdiskussionen zu verschiedenen feministischen Themen. Dabei wären wir offen, auch eine Veranstaltung komplett dem Thema der psychischen Belastung während einer ungewollten Schwangerschaft zu widmen. Aktuell sind wir dafür noch auf der Suche nach Mitstreiter*innen und Vortragenden zu diesem Thema und offen für jegliche Kooperationen.

Quellen:

  1. Zolese G, Blacker CVR. The psychological complications of therapeutic abortion. Br J Psychiatry 1992; 160: 742-9.
  2. AMRC: Academy of Medical Royal Colleges, London 2011
    Expertenteam der Academy of Medical Royal Colleges (London)
  3. Gilchrist, AC, Hannaford, PC, Frank, P, Kay, CR. Termination of pregnancy and psychiatric morbidity. British Journal of Psychiatry 1995; 167: 243–248.
  4. American Psychological Association, Task Force on Mental Health and Abortion. (2008). Report of the Task Force on Mental Health and Abortion. Washington, DC: Author. Retrieved from http://www.apa.org/pi/wpo/mental-health-abortion-report.pdf
  5. Kero A, Högberg U, Lalos A. Wellbeing and mental growth-long-term effects of legal abortion. Soc Sci Med 2004; 58(12): 2559–2569.
  6. Rocca CH, Kimport K, Roberts SCM, et al. Decision rightness and emotional responses to abortion in the United States: a longitudinal study. PLoS ONE 2015; 10(7): e0128832.